Digitalisierung in der Bildung: Vom Daten- zum Prozess-Fokus

Das folgende Interview mit Florian Gnägi, CEO von frentix GmbH und Mitbegründer von OpenOlat ist in gekürzter Form in der Tages-Anzeiger Beilage „Fokus Digital“ veröffentlicht worden.

 

An der diesjährigen ootalks-Konferenz haben Sie das 20jährige Bestehen von OpenOlat gefeiert, Gratulation! Hätten Sie vor 20 Jahren mit diesem Erfolg gerechnet?

Vielen Dank, nein damit haben wir nicht gerechnet. Wir haben das System nur für den internen Bedarf der Uni Zürich entwickelt, um eine unserer Veranstaltungen in einer digitalisierten Form anbieten zu können, haben aber schon bald gesehen, dass andere Institutionen sowohl im akademischen wie schulischen und auch im privatwirtschaftlichen Bereich ähnliche Bedürfnisse haben. Das Internet war noch jung und Online-Lernen somit ein noch weitgehend unbekanntes Phänomen. Ich habe dann einige Jahre später die Spin-Off Firma frentix GmbH gegründet, um die Software auch ausserhalb der Uni Zürich zu vertreiben. Mit Erfolg, mittlerweile zählen über 100 KMUs, Grossfirmen, Schulen, Institutionen und Universitäten zu unseren Hostingkunden. Viele weitere kommen hinzu, die das System unter der Open Source Lizenz selbst betreiben. Der Virtuelle Campus Rheinland-Pfalz beispielsweise betreibt eine der grössten Installationen mit rund 100’000 aktiven Benutzern.

Wie erklären Sie das Lernmanagement-System OpenOlat einem fachlichen Laien? Wofür genau steht der Name? Und wo genau hilft diese Software-Lösung?

OpenOlat steht für Online Learning And Training. Das „Open“ steht für den transparenten Entwicklungsprozess in der Community, die Freigabe des Codes unter einer Open Source Lizenz und die äusserst vielfältigen Lernszenarien die damit umgesetzt werden können. 
Das Lernmanagement-System OpenOlat stellt Lerninhalte für die Teilnehmenden bereit und bietet Methoden, um den Lernerfolg zu messen. Kommunikations- und Kollaborationsfunktionen sind ebenfalls ein Bestandteil, Lernen ist ja ein stark sozialer Prozess. Je nach didaktischem Konzept werden die rund 30 verschiedenen Bausteine ganz unterschiedlich verwendet, bei einem reinen Selbstlernangebot ist eine Teilnehmerliste beispielsweise nicht relevant, während dies bei einem Blended-Learning Seminar essentiell ist. 
Diese Lern- und Lehrunterstützung findet im Webbrowser statt, jeder Anwender hat eine personalisierte Oberfläche. OpenOlat selbst bietet keine fertigen Inhalte oder Lernkataloge an. Sie können viele Standardinhalte kaufen und integrieren oder die Inhalte direkt im System entwickeln.

Sie haben an der ootalks-Konferenz den Begriff «Digitalisierung 2.0» verwendet. Was hat Sie genau dazu bewogen?

In der Bildung hat es schon früh Digitalisierung gegeben. In der Phase, die ich „Digitalisierung 1.0“ nenne, wurde in den ERP Systemen die Bewirtschaftung der Ressourcen wie Personen, Kurse und Belegungen digitalisiert. Das Klientel ist die Administration, es geht um Buchhaltung und Effizienz. Auf der anderen Seite gibt es schon länger digitale Lernmedien wie Text, Bild, Video, Simulationen, Kurse, Tests etc. Das Klientel sind hier die Dozierenden und die Teilnehmenden. 
Das Problem ist aber, dass diese beiden Themenkomplexe eng miteinander verwoben sind. Die Belegungsinformationen zu Kursen müssen vom ERP ins LMS, Dozenten müssen z.B. Absenzenlisten führen, Testresultate und Zertifikate werden am Ende des Prozesses nicht im LMS, sondern im ERP für die weitere Verarbeitung benötigt. 
Mit „Digitalisierung 2.0“ meine ich den Wandel weg von einer datenfokussierten Digitalisierung hin zu einer prozessualen Sicht der Digitalisierung. Ob man es 1, 2, 3 oder 4 nennt spielt keine Rolle. Es geht um die Erkenntnis, dass man die Dinge nicht isoliert betrachten kann, sondern immer den Zusammenhang im Gesamtprozess vor Augen haben muss. 

Was sind die Auswirkungen einer umfassenden Digitalisierungsstrategie auf ein Lernmanagement-System wie OpenOlat?

Es bedeutet, dass wir in OpenOlat die Prozessunterstützung viel breiter verstehen müssen. OpenOlat ist für die meisten Anwender das einzige System mit dem sie interagieren. Ein look&feel, ein Navigations-, Berechtigungs- und Benachrichtigungskonzept. Wir liefern daher auch Dozenten-Einsatzpläne direkt ins Outlook der Dozenten aus und haben ein umfassendes Lektions- und Absenzenmanagement integriert – keine typischen LMS Funktionen. 
Wenn eine Institution sich klare Gedanken über die Struktur der Handlungsfelder, Fächer und Kompetenz macht, so können diese in OpenOlat hinterlegt und mit den Dozenten, Lern- und Testobjekten sowie Modulen verknüpft werden. Anstelle eines händisch gepflegten File-Share werden vollautomatisch Verzeichnisstrukturen bereitgestellt, die mit drag&drop und mit Office-Integration verwendet werden können. Das ist deutlich günstiger und vor allem für die Anwender viel einfacher und praktischer, denn alles ist an einem Ort. 

2019 haben Sie nach 2018 erneut den eLearning Award gewonnen zum Thema Prüfungsserver. Wie wichtig sind solche Auszeichnungen für eine Schweizer Open-Source-Software wie OpenOlat?

Es ist eine grosse Ehre einen solchen Preis zu gewinnen. Speziell der eAssessment Award, den wir mit einem Projekt zusammen mit AKAD erhalten haben, ist enorm wichtig um zu zeigen, dass bei der Entwicklung von Open Source Software genau so professionell vorgegangen wird wie bei Closed Source Software. Es sagt nichts über die Qualität der Software aus, sondern wiederspiegelt die geistige Haltung der Entwickler. Da OpenOlat ausschliesslich von frentix entwickelt wird, können wir auch für jede Zeile im System die Verantwortung übernehmen und sofort reagieren, sollte sich einmal etwas nicht korrekt verhalten. Diese Haltung schätzen unsere Kunden enorm, das schafft Vertrauen. 
Dass das Prüfungswesen digitalisiert wird ist nicht selbstverständlich. Es ist quasi die Kür im Bereich eLearning, die aber auch mit erheblichen Risiken verbunden ist. Hier geht es um den Erhalt oder Nichterhalt eines Diploms, es dürfen keine Fehler passieren. Das System muss äusserst zuverlässig und robust funktionieren. Dank der nativen Unterstützung des Safe-Exam Browsers der ETH Zürich funktioniert dies mit OpenOlat auch mit einer BYOD Strategie. Bei Online-Prüfungen sind die erzielbaren Skaleneffekte durch die Digitalisierung deutlich spürbar.
Die Prüfungsdurchführung ist aber nur ein Aspekt im eAssessment. Genauso wichtig ist die Vorbereitung der Prüfungsfragen. Zusammen mit Juventus konnten wir im Fragenpool einen Reviewprozess implementieren, der eine hohe Qualität bei den Prüfungsfragen durch Peer-Reviews qualifizierter Personen sicherstellt. 

Wie hat sich das Bildungsangebot im heutigen Digitalzeitalter verändert? Was für eine Rolle spielt diesbezüglich OpenOlat?

Es ist doch klar, heute müssen Bildungsangebote sich auch in der digitalen Welt präsentieren. Unser Medienkonsum und die Kommunikation haben sich in den letzten 30 Jahren dramatisch verändert. Man kann das gut oder schlecht finden, das spielt gar keine Rolle, die Welt dreht sich weiter. Wer in dieser Welt nicht mitspielt und seine Angebote nicht digital optimiert wird morgen nicht mehr mitspielen können. Und die Vorteile sind ja erheblich, sowohl für die Lernenden wie auch für die Dozierenden. Für mich ist es erstaunlich, dass die Digitalisierung bei vielen Unternehmen und Bildungsinstitutionen auf strategischer Ebene noch nicht angekommen ist. Eines ist klar, von alleine passiert nichts, es braucht klare strategische Entscheide und auch die Mittel diese umzusetzen. Die Mühen werden belohnt, denn durch die Digitalisierung lassen sich neue Nischen besetzen und die Reichweite der Angebote massiv erhöhen. 
Für OpenOlat bedeutet dies, dass wir das System in der Breite der Funktionen ausweiten, um die dem eigentlichen Lehr- und Lernprozess vor- und nachgelagerten administrativen Prozesse zu unterstützen. OpenOlat sieht sich als Gesamtlösung für Bildungsprozesse für Bildungsinstitutionen oder Unternehmen mit Anbindung an bestehende ERP oder IT Systeme. Beispielsweise haben wir mit der Firma Performa AG aus Luzern eine Partnerschaft, um das Bildungs-ERP Produkt „PerformX“ optimal an OpenOlat anzubinden. Die beiden Systeme ergänzen sich komplementär, ein Gewinn in jeder Hinsicht für Kunden, die diese Kombination einsetzen.

Wohin geht die Reise in Sachen Lernmanagement und OpenOlat? Wie wird Ihre Software-Lösung in 10 Jahren aussehen?

Unsere Vision ist ein System, bei dem Lernen neben dem curricularen „Vorratslernen“ auch als komplett individualisierter, kompetenzgesteuerter Prozess stattfinden kann. Die Grundlagen dieser Strategie haben wir in den letzten Releases gelegt und noch dieses Jahr folgen weitere wesentliche Schritte in diese Richtung. Ein solcher automatischer Lernpfad und individuelle Learning-Experience bedingt aber auch ein Umdenken bei den Bildungsanbietern. Es braucht eine konsequente Verschlagwortung von Test- und Content-Items, hochgradige Modularisierung und kompetenzorientierte Bildungsprofile. 

Ressourcen

 

Florian Gnägi
CEO frentix GmbH